“Der Kinderwunsch ist eines der dynamischsten Felder der Gynäkologie geworden”

 

Herr Professor Hohl und ich treffen uns an einem verschneiten Januartag in seinem Kinderwunschzentrum Baden. Wir kennen das Zentrum gut, da wir auch einige Klienten von dort betreuen. Es ist eines der Interviews, auf welches ich sehr sehr gespannt bin. Hat doch Prof. Hohl als erster in der Schweiz IVF-Behandlungen durchgeführt und zahlreiche Kinderwunschspezialisten ausgebildet.

Background
Prof. Dr. Michael Kurt Hohl studierte an der Universität Basel Medizin. Ab 1982 leitete er die Frauenklinik des Kantonsspitals Baden. Seit 2014 ist er, zusammen mit Dr. Mischa Schneider und Dr. Cornelia Urech-Ruh, ärztlicher Leiter des Kinderwunschzentrums Baden. Professor Hohl ist einer der Pioniere der In-Vitro-Fertilisation (IVF) in der Schweiz. Seit 1989 werden im Kinderwunschzentrum Baden In-Vitro-Fertilisationen durchgeführt.

Herr Prof. Hohl, warum haben Sie sich dafür entschieden Kinderwunsch-Arzt zu werden? Was war Ihre Motivation? Was war der Reiz?

Ich kam von der Chirurgie her, beschäftigte mich intensiv mit einer damals revolutionären neuen Operationstechnik, der Mikrochirurgie, mit der zum ersten Mal ein Durchbruch bei der Behandlung von Kinderlosigkeit gelang, nämlich der Behandlung von Eileiterschäden der Frau. Die wahre Herausforderung und auch Befriedigung als Arzt kam aber durch die Begegnung mit den oft verzweifelten Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Ihnen beizustehen und zu helfen, auf dem manchmal langen Weg zum grossen Ziel, war und ist der wichtigste Motivator für mich geblieben. Als ich als Chef nach Baden gewählt wurde, hat mich das grosse Gebiet des Kinderwunsches weiter begleitet. Für mich und mein Team war es eine schöne Gelegenheit, quasi aus dem Nichts, etwas aufzubauen.

1984 haben wir als Erste in der Schweiz einen sogenannten Gametentransfer gemacht. Damals hat man die Eizellen punktiert und zusammen mit den Spermien in den Eileiter eingebracht. So konnte man zum ersten Mal männliche Fertilitätsstörungen überwinden. Bald wurde aber klar, dass wir einen Schritt weiter gehen müssen. Und so haben wir bereits im Jahr 1989 IVF in Baden erfolgreich angewendet. Das war eine Zeit, in welcher dies in anderen Kantonen wie Basel und St. Gallen verboten war. So wurden wir in den 90er-Jahren neben Lausanne das grösste Kinderwunschzentrum in der Schweiz. 1992 durften wir in der Schweiz die revolutionäre ICSI-Methode einführen und konnten so auch schwerste männliche Fruchtbarkeitsstörungen überwinden.

Das Gebiet des Kinderwunsches ist zu einem der dynamischsten Felder innerhalb der Gynäkologie geworden, wo Innovation auf Innovation folgt. Es war für uns immer wichtig, bei allen diesen Entwicklungen vorne dabei zu sein. In den letzten Jahren sind die grössten Fortschritte auf dem Bereich des Hightech Cleanlab Bereichs erfolgt. Dies veranlasste uns ein völlig neues Zentrum aufzubauen, wo diese anspruchsvollen technischen Möglichkeiten umgesetzt werden konnten. Dies hat die Qualität nochmals stark verbessert. Nun können wir sicher sein, dass die so empfindlichen Eizellen, Spermien und Embryonen nicht mehr den toxischen Substanzen ausgeliefert sind, welche aus der Umwelt, den Gebäuden und dem Menschen selbst stammen.

Welches ist die grösste Herausforderung, mit der Kinderwunsch-Paare aus Ihrer Sicht heutzutage konfrontiert sind? Welches sind mögliche Lösungen?

Im Vordergrund steht das zunehmende Alter der Frauen mit Kinderwunsch. Diese Entwicklung ist bedingt durch gesellschaftliche Veränderungen. Dem gegenüber steht die Natur mit den klar beschränkten biologischen Möglichkeiten der alternden Eizellen. Hier setzen neue Forschungswege an, die versuchen dieses Problem zu lösen. Konkrete Ergebnisse sind jedoch noch nicht in Sichtweite. Heute versuchen einige Frauen die Optionen offen zu halten durch das frühzeitige Einfrieren von eigenen Eizellen für später („social freezing“). Eine breite Aufklärung über den Zusammenhang zwischen Alter und zurückgehender Fruchtbarkeit bei Frauen, wäre sinnvoll und hilfreich und damit eine rationale „Familienplanung“.

Welches ist der häufigste Fehler, den Kinderwunsch-Paare aus Ihrer Sicht machen? Wie könnte man diesem entgegen wirken?

Ich weiss nicht, ob es immer die Kinderwunschpaare sind. Ich möchte es eher neutral formulieren: Es vergeht oft zu viel Zeit. Man ist sich zu wenig bewusst über das verfügbare Zeitfenster. Auch sollte man das Problem Kinderwunsch immer ganzheitlich ansehen und sich nicht auf einzelne Probleme stürzen ohne alle wichtigen Faktoren zu berücksichtigen. So kommt es leider immer noch vor, dass z.B. Eierstöcke stimuliert werden, ohne dass man weiss wie gut die Spermienqualität ist oder ob die Eileiter überhaupt durchgängig sind. Auch Effizienz mit möglichst klarer Zielrichtung ist gefragt. Alle Bemühungen eines guten Kinderwunschzentrums sollten sich vor allem nach den Bedürfnissen der Paare richten.

Welchen Geheimtipp geben Sie Paaren mit auf den Kinderwunsch-Weg?

Geheimtipps sind so eine Sache (lacht). Ich glaube nicht, dass es grosse Geheimtipps gibt. Wichtig ist, dass man wenn nötig auch einmal selbst das Schicksal in die Hand nimmt, sich breit informiert über die vorhandenen Möglichkeiten um sich dann einem professionellen Team anzuvertrauen.

Auf was in Ihrem Leben sind Sie stolz?

Auf meine Familie: Meine Frau, unsere wunderbaren Töchter und herzigen Grosskinder, die uns jeden Tag wieder neu überraschen. Man kann schon stolz sein, das Wichtigste ist aber einfach die Freude, dass es so ist. Im beruflichen Umfeld freue ich mich, dass wir so viele Ärztinnen und Ärzte ausbilden durften und so das Wissen auf die nächste Generation übertragen konnten.

Was ist Ihr ganz persönlicher grösster Erfolg als Kinderwunsch-Arzt?

Es sind die Dinge, die gelingen, obwohl man nicht damit rechnet. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Frau, die ich operiert habe, die über 100 Myome in ihrer Gebärmutter hatte. Viele hielten diese Situation für aussichtslos. Ich dachte, wir müssten es zumindest probieren, da die Patientin keine andere Chance hatte. Heute hat diese Frau ein Kind. Mit dabei ist aber auch immer ein Quäntchen Glück.

Was war der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?

Ich habe so viele gute Ratschläge erhalten, doch ich konnte sie nicht immer alle annehmen. Das ist manchmal der Fehler, man merkt es erst später. Ich hatte aber das Glück, sehr gute Eltern zu haben, eine gute Familie, wunderbare Lehrer, Menschen, die einem den Weg gewiesen haben. Gegenüber all diesen, die ich das Glück hatte, auf meinem Weg zu begegnen, hege ich eine grosse Dankbarkeit.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert und weshalb?

Kein einzelnes Buch. Aber „DIE BÜCHER“ haben mein Leben immer bereichert und tun es heute noch. Ich habe schon als Kind sehr viel gelesen und lese quer durch. Viel Fachliches, aber auch Belletristik. Die Sprache selbst bedeutet mir viel. Nach fünf Seiten eines Buches merke ich, ob ich es fertig lesen kann oder nicht. Im Fachlichen ist es wahrscheinlich die operative Lehre von Prof. Käser, die mich sehr geprägt hat. Mehr noch vielleicht der Verfasser, der es gelebt hat.

Zum Zentrum von Prof. Dr. Michael K. Hohl:
www.kinderwunschbaden.ch

Heute in zwei Wochen: 5 Minuten mit Dr. Elisabeth Berger, Lindenhofspital Bern