‘Die grösste Freude: Das Strahlen in den Augen der Frauen, wenn sie schwanger sind.’

 

Ich verabrede mich mit Frau Siercks zu einem Telefoninterview. Dr. Ikbale Siercks ist Kinderwunsch-Ärztin und seit 2012 im Kinderwunsch-Zentrum FIORE in St. Gallen tätig. Sie lebt mit ihrem Partner und ihren zwei Mädchen in St. Gallen. Ich habe Frau Siercks vor ein paar Jahren im Fiore kennen lernen dürfen. Besonders beeindruckt hat mich nebst ihren fachlichen Kompetenzen ihre Begeisterung für psychosomatische Medizin, welches für sie nicht nur ein weiteres Spezialgebiet ist, sondern welches sie auch im täglichen Kontakt mit den Kinderwunsch-Paaren lebt.

Liebe Frau Siercks, warum haben Sie sich dafür entschieden Kinderwunsch-Ärztin zu werden? Was war Ihre Motivation? Was war der Reiz?

An der Reproduktionsmedizin – und insbesondere am Fiore, wo ich heute arbeite – gefällt es mir besonders gut, dass ein geschützter, feiner Rahmen angeboten wird, in dem man Patienten individuell betreuen und auch viel bewirken kann.

Welches ist die grösste Herausforderung mit der Kinderwunsch-Paare aus Ihrer Sicht heutzutage konfrontiert sind? Welches sind mögliche Lösungen?

Ich habe beobachtet, dass das Realisieren, dass auf natürlichem Wege keine Schwangerschaft eintritt und man vielleicht ärztliche Hilfe braucht, eine immense Herausforderung sein kann. Man sollte ja zum schwanger werden nicht einen Arzt oder ein Institut aufsuchen müssen. Demnach fällt es vielen Paaren nicht leicht, den Schritt in die Kinderwunschklinik zu wagen. Für mich als Ärztin ist die grösste Herausforderung, den Ansprüchen der Paare gerecht zu werden. Alle haben zwar den Wunsch nach einem Kind, doch deren Vorstellungen und der Weg dahin sind sehr verschieden. Ich frage mich deshalb immer: Was kann ich Gutes dazu beitragen? Wie kann ich, als Spezialistin, diesen verschiedenen Vorstellungen gerecht werden, ohne das Paar zu überfordern?

Welches ist der häufigste Fehler, den Kinderwunsch-Paare aus Ihrer Sicht machen? Wie könnte man diesem entgegen wirken?

Das Zeitmanagement. Die meisten wollen sofort und im ersten Zyklus schwanger werden und setzen sich dadurch unter grossen Druck. Dies betrifft auch das Zeitmanagement zwischen den Zyklen. Die Kinderwunsch-Paare sind eigentlich immer in der Warteschleife. Meistens wird diese Zeit nicht gut genutzt. Sie schauen später zurück und sagen: Wir haben überhaupt nicht gelebt in dieser Zeit. Deshalb bespreche ich mit den Paaren z.B. nach einer künstlichen Befruchtung ganz speziell die zwei-wöchige Wartezeit zwischen dem Embryotransfer und dem Schwangerschaftstest. Ich schlage ihnen vor, dass sie aktiv die Freizeit gestalten wie z.B. Freunde einladen oder zusammen als Paar etwas Schönes unternehmen, damit es keine „verlorene Zeit“ ist.

Welchen Geheimtipp geben Sie Paaren mit auf den Kinderwunsch-Weg?

Ein bisschen Geduld zu haben und den Ärzten zu vertrauen. Oftmals sieht es insgesamt gut aus, auch wenn gerade ein bestimmter Zyklus nicht optimal gelaufen ist. Weiterhin stehen die Paare extrem unter Druck und müssen neben Arbeit, Partnerschaft und sozialem Umfeld auch noch die Kinderwunschbehandlung „in den Griff“ bekommen. Ich versuche sie zu ermutigen, dass sie Dinge, wie z.B. die Behandlung, den Ärzten abgeben dürfen, um sich zu entlasten.

Wenn Sie mit dem Finger schnippen könnten und einen Faktor im Bereich des unerfüllten Kinderwunsches ändern könnten, was wäre es?

Dass, wenn es bei einer künstlichen Befruchtung einen Embryo gibt, alle Frauen schwanger werden! Wenn sie schon diesen grossen Schritt machen, ist es für alle Beteiligten immer frustrierend, wenn es nicht klappt.

Auf was in Ihrem Leben sind Sie stolz?

Ich bin ein bisschen stolz, dass ich meinem Umfeld mehr soziales Denken mitgeben konnte. Weniger Egoismus, mehr Sozialverantwortung für Mitmenschen und Umwelt. Das ist für mich eine ganz, ganz wichtige Lebensgrundlage.

Was ist Ihr ganz persönlicher grösster Erfolg als Kinderwunsch-Ärztin?

Der grösste Erfolg ist das Strahlen in den Augen der Frauen zu sehen, wenn sie schwanger sind. Darüber freue ich mich unendlich, immer wieder von Neuem!

Was war der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?

Dass ich so bleiben soll, wie ich bin.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert und weshalb?

Ich bin eine Gedichtband-Leserin. Mein Lieblingsdichter ist Erich Fried. Seine Gedichte bedeuten mir viel. Es geht oft um die Liebe, das gibt mir viel zum Nachdenken. Ich liebe seine Art zu schreiben und die Dinge zu sehen.

Ein Gedicht von ihm zum Thema Treue gefällt mir ganz besonders. Es heisst:

Ein gebrochenes Versprechen ist ein gesprochenes Verbrechen. Aber kann nicht ein ungebrochenes Versprechen ein ungesprochenes Verbrechen sein?

Das ist genial.

Liebe Frau Siercks, es war mir eine riesige Freude! Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre wertvolle Zeit!

Website: www.fiore.ch